die kleine Seele - Teil 5


Unsere kleine Seele lebte das Leben, nie bestimmt wissend, ob es auch wirklich ihr ureigenstes Leben sein könnte.

Sie lebte in der Ungewissheit, ob das, was sie als Leben bezeichnet hätte, auch wirklich etwas sein könnte, was vorbehaltlos als lebenswert bezeichnet werden könnte.

Irgendwann war es so weit, dass sie so nicht mehr weiter machen wollte. Sie wollte dieses Da‑Sein auf Erden wieder beenden und heimkehren zu etwas, was tiefe Sehnsüchte wahr werden ließ in ihr.

Aber irgendwie klappte es nicht gleich und sie fand sich in einem ihr bekannten Raum wieder, sich daran erinnernd, wie es damals war, als sie ganz ungeduldig in der Schlange anstand, um endlich geboren zu werden.

Und sie sah ihr bisheriges Leben an ihr vorüberziehen, allerdings nicht linear, sondern wie ein Puzzle, jedoch Teil für Teil sich selbst zusammen bauend.

Da waren alle Situationen, in welchem unsere kleine Seele immer nur gegeben hat, ohne etwas zurück zu bekommen.

Und jene Situationen, in welchen sie genommen hatte. Und danach ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie keine entsprechende Gegenleistung erbracht hatte.

Und sie stellte mit Erstaunen fest, dass ihr Nehmen überwiegend darin bestand, Lasten von Menschen zu übernehmen, die ihr diese gar nicht geben wollten.

Diese Vorfahren standen alle vor ihr und fragten sie ernsthaft, warum sie die ganzen Jahre hinweg dachte, ihnen einen Teil ihrer Last ab zu nehmen.

Durch dieses Tragen der Last für andere hatte sich unsere kleine Seele auch einiges aufgebürdet, was zur Ehre desjenigen gehört hätte, dem diese Last zustand.

Und diese Vorfahren machten unserer kleinen Seele bewusst, dass es nicht ihre Aufgabe sei, das Leid von anderen Menschen zu tragen, sondern dass sie es sich Wert sein darf, sich selbst zu leben und zu verwirklichen.

Jetzt stand unsere kleine Seele da und hatte tonnenschwere Rucksäcke mit sich herum geschleppt, Jahre, ja Jahrzehnte lang, fast erdrückt von der Last dessen, was sie trug.

Unserer kleinen Seele wurde es zum ersten Mal in dieser Inkarnation richtig bewusst, was sie sich einerseits aufgebürdet hatte und andererseits, was sie anderen weg zu nehmen versucht hatte, allerdings beides vollkommen unbewusst.

Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als den Teil der Last zurück geben zu können, welche nicht zu ihrem Karma gehörte.

Alle Betroffenen blickten liebevoll auf unsere kleine Seele und sie wagte es, das erste Wesen zu fragen, ob es ihm die übernommene Last zurück geben dürfe.

War das eine Erleichterung, als jeder einzelne ihrer Vorfahren freudig zustimmte, als sie jene bat, die Lasten zurückgeben zu dürfen.

Und sie gab alles zurück, stellte sich jeweils mit dem entsprechenden Rucksack vor ihre Vorfahrin, bzw. ihrem Vorfahren und bat diese/n, die Last zurück geben zu dürfen.

Sie stellte jeden einzelnen ihrer zwischenzeitlich überschweren Rucksäcke vor die Beine derer, denen sie gehörten und konnte sich gar nicht erinnern, sich jemals so leicht und unbeschwert gefühlt zu haben.

Nachdem sie ihre Last abgegeben hatte, jeweils dorthin, wo sie diese übernommen hatte, fühlte sich unsere kleine Seele zwar erleichtert, aber ganz stimmig war es für sie noch nicht.

Bisher hatte sie nur auf ihre Vorfahren geschaut, zu denen, die sich bereits aus diesem Leben verabschiedet hatten.

Jetzt wandert ihr Blick noch zu ihren leiblichen und lebenden Eltern und ihren Geschwister und das erste Mal nahm sie bewusst wahr, dass sie kein Einzelkind ist, sondern dass sie die Jüngste in einer Reihe von zahlreichen Geschwistern ist.

Sie beschlossen, sich einfach mal auf zu stellen, wie sie zusammen gehörten, also Mutters Kinder standen an Mutters Seite und Vaters Kinder an Vaters Seite.

Automatisch stellte sie sich vor ihre leiblichen Eltern, da sie ja das einzige Kind aus dieser Beziehung war. Doch dieser Platz passte irgendwie nicht wirklich. Keiner fühlte sich richtig wohl dabei, weder sie noch ihre Geschwister.

Daraufhin bat unsere kleine Seele ihre Geschwister, sich in der Reihenfolge ihres Alters hin zu stellen, damit sie den ihr zustehenden Platz einnehmen konnte.

Es war unbeschreiblich, ein noch nie zuvor da gewesenes Gefühl des „Ankommens“, endlich bewusst an der richtigen Stelle in der Geburtsreihenfolge zu stehen und vor allem auch zu sehen, dass sie in Bezug auf Geschwister nicht allein war.

Doch ihre Eltern blickten irgendwie besorgt und veranlassten dadurch unsere kleine Seele, doch wieder zu ihnen zu gehen. Stolz aufgerichtet, wie es ihre Art war, stellte sie sich vor ihren Eltern auf.

„Was stört euch jetzt schon wieder?“ war die sehr selbstbewusste und auch irgendwie selbstgefällige Frage unserer kleinen Seele an ihre leiblichen Eltern.

Sie schauten nur traurig auf unsere kleine Seele und antworteten: „Dass du glaubst, immer alles selbst regeln zu müssen und auch zu können. Warum kannst du nicht einfach mal unsere Liebe annehmen?“

Sie wusste irgendwie nicht, wie ihr geschah, war total überrascht davon, dass ihre Eltern dachten, dass sie irgend etwas von ihnen nicht würde annehmen wollen.

Ganz im Gegenteil, über Jahre hinweg hätte sie gerne genommen, aber immer, wenn sie ihnen zu Nahe kam, waren sie nicht da, entweder in der Arbeit oder manchmal auch länger im Krankenhaus.

Jetzt stand sie hier und blickte ganz verdutzt auf ihre Eltern, welche da fast wie ein Häufchen Elend vor ihr standen. Dabei standen sie gar nicht so da, nachdem sie ein zweites Mal hingeschaut hatte, merkte sie, dass sie eigentlich sogar größer als sie waren und freundlich lächelten.

Das verwirrte jetzt unsere kleine Seele noch viel mehr. Sollte es zu ihrem Karma, zu ihrer Lernerfahrung gehören, dass sie ihren Eltern bisher unterstellt hatte, dass sie ihnen egal war?

Eigentlich konnte sie sich das nicht vorstellen, aber sie beschloss, etwas intensiver über ihre Beziehung zu ihren leiblichen Eltern nach zu denken.

Diese freundlichen Blicke machten unsere kleine Seele ganz wirr, sie empfand eine angenehme, bisher noch nie gekannte Wärme, in sich hoch steigen und verspürte das unbändige Verlangen, sich einfach in deren Arme fallen zu lassen.

Als sie dann auch noch merkte, dass sich ihre Ahnen hinter ihren Eltern versammelten traten ihr Tränen in die Augen. Sie war berührt von diesem Bild.

Sie war gerührt von dieser Kraft und Energie, welche von ihren Ahnen auf ihre Eltern und von denen auf sie überging. Ihre Knie gaben nach und sie sank vor ihren Eltern zu Boden, saß wie ein kleines Kind auf ihren Fersen und blickte hoch.

Die kindliche Neugier war wieder gekehrt, diese Neugier, welche unsere kleine Seele bereits vor Jahren irgendwo tief in ihr vergraben hatte, weil das Leben eben nur schwer und herausfordernd sein durfte.

Und mit einem Schlag fiel noch eine gehörige Portion Schwere von ihr ab, floss Härte aus ihrem Denken und ihren Gefühlen, stürzte eine Mauer ein, welche sie in all den Jahren erbaut hatte.

Noch während sie so am Boden saß und den Tränen freien Lauf ließ, merkte sie zum ersten Mal, dass sie wirklich nicht allein auf Mutter Erde war.

Da waren noch so viele mehr, von denen sie ein Teil war, ein winziges Teilchen eines riesigen und jahrzehntelangen Systems unterschiedlichster Familien, die sich in jeder Generation wieder zu neuen Systemen zusammen schlossen.

Es gab nicht nur ihre leiblichen Eltern, es gab auch noch deren Eltern und auch die Eltern der Eltern ihrer Eltern und je weiter sie zurück blickte, desto zahlreicher wurde das Meer an Ahnen, deren Mittelpunkt sie war.

Diese Wärme und Geborgenheit erinnerte sie an etwas, was sie schon lange vergessen dachte. Es war wie die Geborgenheit im Schoß der Mutter, das Eingebettetsein in die Plazenta, bevor man geboren wird.

Sie blieb einfach sitzen und genoss es, als alle Dämme in ihr brachen und all die aufgestauten Gefühle über unsere kleine Seele hinweg schwappten, um sich teilweise in der Ewigkeit zu verlieren, teilweise aber auch in ihrem Herzen wieder Platz zu finden.

Noch schöner wurde es, als ihr ihre Eltern halfen, wieder auf zu stehen und sie gemeinsam in die Arme schlossen und sie herzten und küssten.

Sie konnte auch förmlich spüren, dass die Eltern ihrer Mutter hinter dieser standen und ihre Hände auf deren Schulter legten, um sie zu unterstützen und ihre eigene Liebe weiter fließen zu lassen.

Und die Eltern ihres Vater standen hinter diesem und verfuhren ebenso. Genauso standen deren Eltern jeweils hinter den Großeltern unserer kleinen Seele und gaben durch ihre Kinder die Liebe weiter auf deren Kind, sprich den Vater unserer kleinen Seele.

Auch alle Generationen vor ihrer Mutter standen hinter ihr und unterstützen ihre Mutter darin, unserer kleinen Seele endlich die Liebe geben zu können, welche sie zu einem Überleben brauchen könnte.

Sie saugte diese Liebe förmlich auf, würdigte niemanden sonst eines Blickes und holte Jahre der emotionalen Enthaltsamkeit nach im Hier und Jetzt.

Es war ein Bild der Harmonie und Geborgenheit, unsere kleine Seele in den Armen ihrer Eltern zu sehen. Dahinter scharten sich Generation um Generation, alle bereit und willens, diese unsere kleine Seele auf ihren weiteren Lebensweg zu unterstützen.

Es dauerte lange, bis sie sich aus den Armen ihrer Eltern löste und auch weiter nach hinten blickte, um auch direkt etwas von ihren Vorfahren aufnehmen zu können.

Danach trat sie einen Schritt zurück, um auch den Halbkreis ihrer Geschwister wieder bewusst wahr zu nehmen. Sie wollte nicht wieder an das Ende der Schlange, was so viel hieß wie weg von den Eltern.

Aber es war auch gar nicht mehr nötig, sie hatte ja bereits ihren Platz in der Geschwisterfolge eingenommen und bewusst wahr genommen, wie gut ihr dieser ihr ureigenster angestammter Platz tut.

Also blieb sie jetzt einfach vor ihren Eltern stehen und blickte weiterhin auf diese Massen von Ahnen, während sich auch ihre Geschwister um sie scharten und sie mit ihrer Liebe und Fürsorge umarmten.

Unsere kleine Seele war endlich zu Hause angekommen. Angekommen im Schosse ihres Familiensystems. Angekommen auf ihrem Platz, den ihr niemand jemals streitig hätte machen wollen, den sie aber bis jetzt auch noch nicht gefunden hatte.

Im Wissen um diesen ihren Platz und mit dieser ihre wiederentdeckte Bereitschaft, sich helfen zu lassen und das Einzelkämpfertum ab zu legen, kam sie auch wirklich wieder zurück. Zurück in ihr Leben.


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